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/ 17.06.2013
Bertrand Badie

Souveränität und Verantwortung. Politische Prinzipien zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Aus dem Französischen von Ronald Voullié

Hamburg: Hamburger Edition 2002; 319 S.; geb., 30,- €; ISBN 3-930908-77-8
Der Band will die verwirrende Vielschichtigkeit und innere Widersprüchlichkeit des Souveränitätskonzeptes aufzeigen. Badie sieht Souveränität als ein Dogma und zweifelt ebenso ihren theoretischen Wert wie ihre historisch jemals (und besonders im Globalisierungskontext nicht mehr) gegebene Umsetzung an. Kein Staat, so schon der Klappentext, war jemals nach außen unumschränkt selbständig oder nach innen unumschränkt herrschend. Daher Badie: "[D]ie Souveränität [ist] in erster Linie eine Fiktion im eigentlichen Sinne des Wortes. Anstatt sich an die Realität zu halten, appelliert sie an das Imaginäre und liefert uns eine logische Konstruktion, die dem internationalen Leben einen Anschein von Kohärenz verleiht." (9) Oder rückblickend: "Wahrscheinlich hat es das Goldene Zeitalter der Souveränität niemals gegeben, denn von Natur aus fiktiv und fragil, ist sie immer leicht umgangen, man könnte sogar sagen, 'vergewaltigt' worden." (12) Souveränität erscheint ihm zudem als ein Begriff, der niemals unzweideutig definiert, immer aber politisch instrumentalisiert worden ist: "Letztlich war nur die Praxis maßgeblich, aber die Theorie hat bis hin zur Fiktion immer die Ambiguität kultiviert." (8) In seiner radikalen Kritik trennt Badie allerdings nicht immer mit der begrifflichen und konzeptionellen Konsequenz, die dafür erforderlich wäre. So zielt ein guter Teil seiner Kritik am Konzept der Souveränität genau betrachtet eigentlich auf ihre unzureichende Unterscheidung vom Machtbegriff - ein Fehler, dessen sich auch Badie selbst schuldig macht. Von zentraler Bedeutung für sein Buch ist aber, dass er die Souveränität durch das normativ ausformulierte Konzept der staatlichen wie nicht-staatlichen Verantwortungsgemeinschaften kontrastiert und ergänzt sowie perspektivisch in die Zukunft schauend Erstere durch Letztere überwunden glaubt. Insgesamt sei die Souveränität in der heutigen Zeit nur noch ein Prinzip von vielen, und unter diesen zudem ein zunehmend marginalisiertes. Mit diesem Ansatz will Badie aus der vom Souveränitätsgedanken induzierten Logik der staatlichen Selbsthilfe ausbrechen und das Fundament für eine neue, an der Weltgesamtheit orientierte, zwischenstaatliche politische Ethik legen.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 4.15.41 Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Bertrand Badie: Souveränität und Verantwortung. Hamburg: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16846-souveraenitaet-und-verantwortung_19357, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19357 Rezension drucken
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