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/ 11.06.2013
Michael Jäger

Probleme und Perspektiven der Berliner Republik

Münster: Westfälisches Dampfboot 1999 (Einsprüche 10); 183 S.; 29,80 DM; ISBN 3-89691-598-3
In der politischen Öffentlichkeit ist der Umzug von Bonn nach Berlin schnell mit einem griffigen Etikett belegt worden: Der Wechsel des Regierungssitzes signalisiere das Ende der "Bonner" und den Beginn der "Berliner Republik". Offen bleibt dabei freilich immer, ob mit diesem Ausdruck mehr als lediglich ein (neuer) Name gemeint ist, der nichts weiter bedeutet, "als daß deutsche Minister in belastete Räume einrücken, ohne in die belastete Zeit zurückzufallen" (7). Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung "Freitag", versucht in seinem Essay durchzuspielen, wofür die Berliner Republik stehen könnte. Anders als die Bonner muß die Berliner Republik "die von der Hauptstadt untrennbare Nationalgeschichte annehmen und fortsetzen" (8) und damit stehen wir vor der Nötigung, erkennen zu geben, "als was wir ins europäische Haus einzuziehen gedenken" (9). Der Autor entwickelt seine Überlegungen auf der Basis einer Unterscheidung von problematischer Realität und utopischer Möglichkeit deutscher Politik. Dabei nimmt die Darstellung der problematischen Wirklichkeitsbestände - sowohl in Gestalt fortwirkender Realitäten nicht nur der NS-Vergangenheit (57 ff., 95 ff.) als auch mit Blick auf die Aktivitäten der neuen Bundesregierung (15 ff.) - den größten Raum ein. Die Berliner Republik laufe Gefahr, sich in der Fortsetzung der falschen Kontinuität zu erschöpfen; und das heißt für den Autor vor allem: Dominanz der "Mediendemokratie des kybernetischen Parlamentarismus" (25 ff.), systematische Anpassung einstmals oppositioneller Bewegungen wie der Grünen (60 ff.) und außenpolitische Willfährigkeit gegenüber den geostrategischen Interessen der USA (134 ff.). Im abschließenden Kapitel skizziert er, erkennbar inspiriert von den Frühschriften Marx', "was möglich wäre" (12). Hier indes bleibt es bei dem perspektivischen Hinweis auf zwei Grundsatzentscheidungen: einerseits für eine substantiell ökologische Politik gegen die weltweit herrschende, kapitalistisch bestimmte Technologie (134 ff.), andererseits für die Umstellung der Produktionsweise von Markt- auf gesellschaftliche Nachfrage (150 ff.). Inhalt: 1. Angleichungstendenzen. Die Berliner Republik im worst case; 2. Preußischer Aschermittwoch; 3. Vinetastraße; 4. Einspruch. Der Möglichkeitsraum der Berliner Republik.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.3132.35 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Michael Jäger: Probleme und Perspektiven der Berliner Republik Münster: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10581-probleme-und-perspektiven-der-berliner-republik_12506, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12506 Rezension drucken
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